07.06.2018 - 16:14 HSH Nordbank

Meinung weekly: Die Vollgeld-Initiative - radikal und bedenkenswert

Die Schweizer Vollgeld-Initiative, über die am 10. Juni abgestimmt wird, lädt auf den ersten Blick zum Kopfschütteln, auf dem zweiten Blick zum Nachdenken ein. Worum geht es? In jeder entwickelten Volkswirtschaft gibt es Zentralbankgeld und Buchgeld. Ersteres wird von den Zentralbanken geschaffen und ist uns als Bargeld bekannt, ist für Banken aber auch in elektronischer Form zugänglich. Das Buchgeld wird hingegen von Geschäftsbanken im Zuge der Kreditvergabe geschaffen. Wenn also eine Bank ein Konsumentendarlehen vergibt und dem Darlehensnehmer den entsprechenden Betrag als Giralgeld zur Verfügung stellt, ist quasi aus dem Nichts neues Geld geschöpft worden. Genau das soll nach dem Willen der Initiatoren der Vollgeld-Initiative nicht mehr möglich sein. Vielmehr soll es nur noch Zentralbankgeld geben. Der Grund: Die Verschuldungsorgien der vergangenen Jahrzehnte hätten immer wieder in Krisen gemündet und erheblichen Schaden angerichtet. Ein Blick auf die letzte Finanzmarktkrise von 2008/09 (bei der die schweizer Großbank UBS vom Staat gerettet werden musste), die Asienkrise von 1997/98 usw. zeigt, dass die Initiative durchaus einen validen Punkt hat. Denn rund 90% des Geldes wird von Geschäftsbanken geschaffen, womit diese Institutionen in der Lage sind, sowohl Boom − als auch Abschwungphasen zu verstärken. Bislang soll dies mit einer verstärkten Regulierung aufgefangen werden. Alternativ könnte man aber eben auch über diesen sehr radikal anmutenden Schritt des Vollgeldes nachdenken. In der Konsequenz wären Banken eher Assetmanager (was die großen schweizer Banken ohnehin größtenteils sind), die allerdings auch weiterhin Kredite vergeben können, wenn sie im Gegenzug auf der Einlagenseite über entsprechendes Zentralbankgeld verfügen.

Die Schweizer sind nicht die ersten, die sich mit der Idee befassen, den Geschäftsbanken die Buchgeldschöpfung zu verbieten. Der berühmte Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher hat bereits 1936 dafür plädiert, das Bankensystem entsprechend umzustellen. Fisher kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Konjunkturschwankungen erheblich reduziert, „Bankruns“ ausgeschlossen und sowohl die öffentliche Verschuldung als auch die private Verschuldung signifikant reduziert werden könnte. Interessanterweise kommen Wissenschaftler des Internationalen Währungsfonds (IWF) in einer vor wenigen Jahren erschienenen Studie zu dem Ergebnis, dass Modellberechnungen die Ergebnisse Fishers bestätigen.

Natürlich würde es sich um ein großes Experiment handeln. Auch ist nicht klar, ob die Vollgeld-Initiative ihr Konzept zuende gedacht hat. In Zukunft sollen etwa Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe zunächst ihrerseits Kredite bei der Schweizer Notenbank aufnehmen, ohne dass klar ist, wer denn die Bonitätsanalyse durchführt und wer im Fall des Kreditausfalls wie belastet wird. Abgesehen davon ist der Vorschlag aus der Schweiz bedenkenswert, zumal sich im Zeitalter von Kryptowährungen einige Notenbanken auch darüber Gedanken machen, ob man seinen Bürgern nicht ohnehin einen direkten Zugang zu Zentralbankgeld verschaffen sollte, statt nur den Geschäftsbanken dieses Privileg zu gewähren. Schweden scheint bei diesen Überlegungen (Stichwort: E-Krone) relativ weit fortgeschritten zu sein.

Auch wenn das Referendum zur Vollgeldinitiative scheitern dürfte – eine Mehrheit der Bevölkerung und eine Mehrheit der Kantone müsste zustimmen, was laut Umfragen unwahrscheinlich ist –, sollten weltweit weitere Initiativen den Reformdruck im Hinblick auf die Bankensysteme erhöhen. Das muss keineswegs schlecht sein.


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